‚L’autre monde‘ – der vergessene Film
Geschrieben vor 1 Jahr Filmbesprechungen
Regisseur:
Merzak Allouache
Erscheinungsjahr:
2001
Hauptdarsteller:
Karim Bouaiche, Marie Brahimi, Nazim Boudjenah
Genre:
Drama
Laufzeit:
95 Min.
IMDB:
Trailer:

Diese Besprechung beschreibt Teile der Handlung!

‚L’autre monde‘ – der vergessene Film

Dieser Film wurde gedreht, noch bevor der Bürgerkrieg in Algerien vollkommen beendet war. Er wurde vom algerischen und französischen Publikum fast völlig ignoriert und 2002 auf ARTE gezeigt, wo ich ihn per Zufall sah. Ich entschloss, irgendwann selber nach Algerien zu reisen, was ich 2010 getan habe. Ich will versuchen, hier zusammenzufassen, was diesen Film so besonders für mich macht.

Die Handlung folgt einer jungen, in Frankreich geborenen Algerierin, deren Verlobter während seines Militärdienstes irgendwo nördlich der Sahara verschwunden ist. Yasmine, gespielt von Marie Brahimi, wirkt dabei wie eine dunklere, willensstärkere Jean Seberg. Ihre zerbrechliche Erscheinung und feinen Gesichtszüge kontrastieren mit ihrer todesverachtenden Entschlossenheit, die ihren Ursprung in einer offenbar fast obsessiven Liebe hat.

 

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Der Film beschreibt die Zeit nachdem der politische Konflikt seinen grausigen Höhepunkt bereits erreicht hatte. Als Yasmine in Algier eintrifft, um nach ihrem Geliebten zu suchen, haben sich die Dinge dort bereits etwas beruhigt. Aus übergroßer Vorsicht hat sie sich in einen schwarzen Tschador gekleidet, der nur ihr Gesicht frei lässt, sehr zur Verwunderung ihres Onkels und ihrer Cousine.

In Algiers trifft sie auf einen Polizeioffizier mittleren Alters, der sie von ihrem gefährlichen Bestreben abbringen möchte. Als er ihre Entschlossenheit wahrnimmt, verrät er den Ort, wo die militärische Einheit in einen Hinterhalt islamistischer Kämpfer geriet. Nur zwei Soldaten überlebten das Massaker und sind seither spurlos verschwunden; einer der beiden ist Rachid, Yasmine’s Verlobter.

Yasmine entschließt, selber an die Stelle zu fahren, um Hinweise auf sein Verbleiben zu finden. Auf dem Weg wird ihr Sammeltaxi von einer bewaffneten Rebellengruppe angegriffen und alle Insassen getötet – sie überlebt nur dank der Intervention eines der Angreifer. Als Trophäe für ihren Anführer wird sie ins Lager der Islamisten gebracht, aus dem sie während einem Überraschungsangriff der Regierungstruppen entkommen kann. Erneut hilft ihr dabei der junge Kämpfer. Beide verstecken sich und Yasmine gelingt es schließlich, einen Weg zurück nach Algier zu finden, wo sie Zuflucht im Haus des Polizeioffiziers findet. Er teilt ihr die Adresse der Familie des zweiten Soldaten mit, der zusammen mit Rachid verschwand. Hakim, der junge Kämpfer aus dem Lager der Extremisten, folgt ihr auf Schritt und Tritt, unter dem Vorwand, sie zu beschützen.

 

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Nachdem sie die teilnahmslose und ablehnende Familie des Soldaten in einer abgelegenen Wüstenstadt getroffen hat, erhält sie einen Hinweis auf das Versteck der beiden Deserteure. Als sie den Ort erreicht, sieht sie nichts als ein paar zerfallende Ruinen inmitten der Sahara. Ein verstecktes Bordell, wie sich herausstellt. An diesem Punkt, nach etwa zwei Dritteln Laufzeit, ändert sich das Tempo des Films, und was vorher eine Art Road Movie war, wird nun zu einer Wüstenutopie, falls es so etwas gibt.

Eine sehr ungleiche Gruppe von Menschen hat in diesen Ruinen eine Zuflucht gefunden: eine französische Puffmutter mit ihren Angestellten, ein Lastwagenfahrer, dem Yasmine bereits mehrfach auf ihrer Reise begegnet ist, und zu guter Letzt Rachid und sein wahnsinniger Kamerad, dessen Psyche angesichts der Gräuel übergeschnappt ist. All diese Menschen haben jedoch eines gemeinsam: sie sind Überlebende, frei von allen Ideologien oder politischer Korruption. In ihrer unwahrscheinlichen Zuflucht haben sie, allen Widrigkeiten zum Trotz, eine Welt erschaffen, die fast human ist – obwohl sich die Damen regelmäßig an die durchreisenden Lastwagenfahrer verkaufen. Yasmine erfährt nach und nach von den Erlebnissen ihres Verlobten und warum er sich entschied, nicht von der Seite seines umnachteten Kameraden zu weichen. Seine eigene Zerrissenheit wird etwas aufgefangen von Yasmines sinnlicher Zuneigung, die sie während ihrer gesamten Reise sorgfältig cachieren musste. Eines Nachmittags verliert sie ihr Tagebuch in den Dünen, beobachtet von Hakim, der sich die ganze Zeit über hinter einigen Felsen versteckt hatte, und der sich ihre persönlichen Notizen aneignet.

 

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Da es ein algerischer Festtag ist, gibt es in der Nacht Champagner und hausgemachten Kuchen, wobei alle ein wenig Liebe und etwas Wärme finden: die blinde Bordellchefin, der verrückte Soldat und der traumatisierte Rachid. Heilung und zumindest teilweise Wiederherstellung der beschädigten Existenzen scheinen möglich. Der Film verweilt bei diesen Momenten der Sinnlichkeit, so als wäre es nur zu offensichtlich, dass alles bald ein Ende finden muss. Und wie ein unausweichlicher Bote des Schicksals betritt Hakim im Schutz der Dunkelheit die Ruinen, und sieht Yasmine in den Armen ihres Geliebten liegen. Da er außer Gewalt nichts kennt, und mit einem von ideologischen Resten benebelten Gehirn, begeht er ein Massaker an den Anwesenden. Alles geht verloren in einem kaum zu fassenden Akt der Zerstörung. Wie in einer letzten Erinnerung sehen wir in der Schlussszene Yasmine, ihr Tschador bauscht sich im Fahrtwind. Die Musik von Amazigh erzählt von einem erschöpften Land, in dem dennoch nicht alle Hoffnung aufgegeben wurde.

L’autre monde wurde vermutlich ignoriert, weil er ein recht desolates Bild von Algerien erschafft, und damit den allgemeinen Erwartungen auf Frieden im Jahre 2001 entgegenlief. Außerdem machte er die Doppelmoral offensichtlich, die in vielen islamischen Ländern herrscht: er zeigte Prostitution und außereheliche Liebe im Islam.

Meine einzige Kritik wäre der nicht ganz gelungene Sub-Plot der islamischen Rebellen. Ich kann nur hoffen, dass dieser Film irgendwann das Publikum findet, das er verdient. Er ist leider nur sehr schwer erhältlich, bei Interesse bitte per Email oder Kontaktformular an mich wenden.

Bewertung:

Bewertung: 9
Michael

Michael mag Filme, Abenteuer und surreale Kunst. Er schreibt im Blog seine Meinung zu alten und neuen Filmen. Er interessiert sich auch für’s Filmemachen und hat ein Projekt in Vorbereitung: Die Anbetung des Affen

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