Amazonischer Traum: ‚Der Schamane und die Schlange‘
Geschrieben vor 48 Jahren Filmbesprechungen
Regisseur:
Ciro Guerra
Erscheinungsjahr:
2015
Hauptdarsteller:
Antonio Bolivar, Brionne Davis, Jan Bijvoet, Nilbio Torres, Yauenkü Migue
Genre:
Abenteuer, Drama
Laufzeit:
125 Min.
IMDB:
Trailer:

Amazonischer Traum: ‚Der Schamane und die Schlange‘

Der Schamane und die Schlange – etwas frei übersetzt vom Originaltitel El abrazo de la serpiente – erzählt von zwei Begegnungen, die aus der Sicht der Films in Wirklichkeit aber zu einer verschmelzen. Wie funktioniert das? Eigentlich sehr gut, wenn man die Sichtweise eines Indianers aus dem Amazonasbecken hat.

Genau hier liegt die eigentliche Stärke des Films von Ciro Guerra. Im Kino bildet der Dschungel oft eine ausdrucksstarke Kulisse für die Ambitionen des weißen Mannes (Fitzcarraldo, Apocalypse Now), und spinnt so letzten Endes die europäische Geschichte von Eroberung und Untergang weiter. Hier wird dagegen die Welt und Dinge aus der Sicht der am Amazonas lebenden Waldbewohner dargestellt. Das hört sich zunächst politisch korrekt an, wird aber schnell verwirrend genug. Denn das Ergebnis ist eine Geschichte, die wie ein Traum wirkt, mit einer eigenen amazonischen Traum-Logik.

 

 

Theo, ein deutscher Anthropologe und Amazonasforscher, erreicht halbtot und nur mit Hilfe seines treuen Begleiters die Enklave des einsiedlerisch lebenden Schamanen Karamakate. Der weigert sich erst zu helfen, doch als er von Theo erfährt, dass Angehörige seines Stammes noch im Inneren des Urwaldes leben sollen, gehen sie einen Pakt ein: Karamakate wird Theo helfen, die heilende Pflanze zu finden, doch dieser muss ihn zu seinen letzten überlebenden Angehörigen führen.

Gleich nach dieser kurzen Einführung sehen wir einen alten Mann vor einem mit Zeichnungen bedeckten Felsen stehen. Nach einigen Einstellungen erkennt man, dass es derselbe Karamakate ist, nur viele Jahrzehnte später. Wieder wird er von einem Forscher aus dem Westen aufgesucht, und erneut scheint es um die heilende Wirkung des Yakruna zu gehen. Diese soll Evans, einem Amerikaner, helfen, wieder träumen zu können.

 

 

Auf der Reise der beiden Weißen, jeweils durch 40 Jahre getrennt, sehen wir die Spuren, die der westliche Eroberungswille und Missionierungseifer im Urwald hinterlassen hat. Die „Männer Gottes“ sind entweder brutale Sadisten oder schlichtweg verrückte Halbwilde. In einer eindrücklichen Szene fordert Theo seinen Kompass von einer Gruppe Dorfbewohner zurück, sein Besitzdenken kollidiert frontal mit der ganz anderen Auslegung seiner Gastgeber. An diesem Punkt fiel mir auf, dass ich kaum jemals einen Filmcharakter gesehen habe, der so wirklich schien wie Theo. Hier ist ein Mensch mit Facetten; einer aus der Sicht der Indianer hässlichen, auf Eigentum ausgerichteten, aber auch einer fürsoglichen und naiv-neugierigen Seite. Viele Filme versuchen, eine solche „Dimensionalität“ ihrer Figuren zu erreichen, El abrazo de la serpiente schafft es. Wie in dieser Szene geht es in vielen anderen um die seltsamen Resultate des Aufeinandertreffens von europäischer und amazonischer Kultur. Um noch einmal den Vergleich mit Fitzcarraldo zu ziehen: das Grammophon, Symbol für Fitzcarraldos Besessenheit, wird aus Karamakates Sicht zu einem Ding, mit dem der Weiße sich von den Geräuschen und Klängen der Umwelt absondert.

 

 

Der Film handelt vordergründig von der Suche der beiden Forscher nach der mysteriösen Pflanze – in Wahrheit bilden ihre Beweggründe aber den Hintergrund für die Entwicklung von Karamakate selber. Seine Verfehlungen und letztendliche „Sühne“ sind es, die alles zu einem einzigen Erlebnis verbinden – und alle Linearität und chronologische Abfolge ignorieren, die für das westliche Denken so grundlegend wichtig sind. Am Ende spricht Karamakate Evan an, als sei er Theo.

Beeindruckend ist die Kommunikation der Indianer in verschiedenen amazonischen Dialekten. El abrazo de la serpiente mag nicht der erste Film sein, der die Sichtweise der Ureinwohner zum Ausdruck bringt, aber vielleicht gab es bisher kein Werk, welches so selbstbewusst und technisch gekonnt daherkommt. Die Momente, als Karamakate wie angewurzelt auf den Fluss starrt, noch bevor das Kanu für den Zuschauer in Sichtweite kommt, ziehen einen förmlich in den Urwald hinein. Sämtliche Schauspieler liefern eine starke Leistung ab und unterhalten sich in mehreren Sprachen, darunter auch die indigenen Dialekte.

Bewertung:

Bewertung: 8
Michael

Michael mag Filme, Abenteuer und surreale Kunst. Er schreibt im Blog seine Meinung zu alten und neuen Filmen. Er interessiert sich auch für’s Filmemachen und hat ein Projekt in Vorbereitung: Die Anbetung des Affen

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