‚The Witch‘ – leibhaftiger Aberglaube im 17. Jahrhundert
Geschrieben vor 1 Jahr Filmbesprechungen
Regisseur:
Robert Eggers
Erscheinungsjahr:
2015
Hauptdarsteller:
Anya Taylor-Joy, Harvey Scrimshaw, Kate Dickie, Ralph Ineson
Genre:
Horror
Laufzeit:
159 Min.
IMDB:
Trailer:

Diese Besprechung beschreibt Teile der Handlung!

‚The Witch‘ – leibhaftiger Aberglaube im 17. Jahrhundert

Erst als ich den Film zuende geschaut hatte, erinnerte ich mich an die kleine Ortschaft Las Paules in den spanischen Pyrenäen, wo ich früher einige Monate gelebt hatte. Dort wurden im Jahr 1593 achtundzwanzig Frauen wegen Hexerei zum Tode durch Erhängen verurteilt, fast genau hundert Jahre vor den berüchtigten Hexenprozessen von Salem. Ich hätte The Witch lediglich als soliden, ungewöhnlichen und etwas langsamen Film abgetan, doch durch diese „persönliche“ Erinnerung veranlasst wollte ich ihn mir etwas genauer zu Gemüte führen.

 

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The Witch ist ein sehr gut und sorgfältig produzierter Streifen. IMDB informiert darüber, dass Regisseur Robert Eggers meist als Produktions- und Kostümdesigner arbeitet, was man leicht erkennen kann durch die Hingabe an all die kleinen Details in den historischen Aufmachungen. Hier und da scheint dieser Fokus auf das modische Erscheinungsbild fast etwas zu dominieren, was den Film in Gefahr bringen würde, eine Hipster-Klamotte zu werden; doch insgesamt sind alle visuellen Elemente gut ausbalanciert und stehen im Dienste der Handlung und Glaubwürdigkeit der Charaktere. Alles besitzt eines starken handwerklichen Charme, die schauspielerischen Leistungen sind bodenständig, die Dialekte (im englischen Original) urig, die Filmsets sehen aus, als hätte eine Gruppe von Amish sie gerade fertiggestellt. So erzeugt Eggers mit seinem Team einen sehr überzeugenden Eindruck vom New England des siebzehnten Jahrhunderts. Was uns wiederum hilft, in die Geschichte einzutauchen.

Ein Vater von vier Kindern wird von einer Puritaner-Plantage verbannt, da er sich mit den Kirchenoberhäuptern angelegt hat. Er entschließt sich, seine Familie in die Wildnis jenseits der Plantage zu führen, um einen Ort zu finden, wo sie ungestört nach ihren Überzeugungen leben können. Unglücklicherweise endet alles in einem Desaster.

Eggers trifft die Entscheidung, uns einen der grauenhaftesten Momente des Films gleich zu Beginn zu zeigen, nämlich die Entführung, Ermordung und „Weiterverarbeitung“ des Kleinkindes. Dann blendet er zurück auf das Alltagsleben der Familie auf ihrer abgelegenen Parzelle. Das ist zwar seltsam, aber interessant. Was für einige Zuschauer ein Problem darstellen dürfte, ist dass der Film von diesem Punkt an das Tempo eines gemächlichen Kunstfilmes hat. Nichts Fürchterliches geschieht. Der Waldrand unmittelbar hinter dem Haus der Familie und das dichte Gewirr aus Zweigen im Wald werden visuell sehr geschickt angewendet, um eine schleichende, gruselige Grundstimmung zu erzeugen. Desweiteren gibt es einige Szenen mit raschelnden Blättern und Zweigen, die suggerieren sollen, dass die Familie von etwas verfolgt und beobachtet wird. Dies wird mehrmals wiederholt und wirkte als Nervenkitzel etwas zu simpel.

Während dem weiteren Verlauf gibt es Hinweise auf sexuelle Spannungen zwischen den Familienmitgliedern, von denen manche die Pupertät oder das frühe Erwachsenenalter erreichen. Diese aufkommenden Gefühle stehen in offenem Gegensatz zur puritanischen Lebenseinstellung des Familienoberhauptes. Probleme der Armut und Moral kommen auf, als der Vater das Erbstück seiner Frau gegen etwas Getreide einlöst, da ihre eigene Ernte auf dem Feld verfault. Selbst als die Frau ihre gemeinsame Tochter des Diebstahls beschuldigt, gesteht er seine Tat nicht ein, was Werte wie Ehrlichkeit und Loyalität innerhalb der Familie fragwürdig erscheinen lässt. Die Spannungen steigern sich von Szene zu Szene, man erhält fast den Eindruck einer Studie über das Leben der Puritaner und die Schwierigkeiten und Einschränkungen, die sie bei ihrem Versuch erlebten, die Wildnis zu zähmen.

 

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Als Caleb, der älteste Sohn, sich im Wald verirrt und ausgerechnet vor die Hütte jener Hexe stolpert, die seinen kleinen Bruder umgebracht hat, geht es mit dem Glück der Familie endgültig bergab. Während sich alle gegenseitig vorwerfen, mit dem Satan im Pakt zu stehen, unternimmt William (der Vater) einen letzten verzweifelten Versuch, die Ordnung wiederherszustellen und seine verbliebene Familie am Leben zu erhalten. Er scheitert, nicht zuletzt deswegen, weil er dem leibhaftigen Teufel gegenübersteht, der die Familie in Form einer schwarzen Ziege unterwandert hat.

Als das Massaker vorbei ist, lebt nur noch Thomasin, die älteste Tochter. In einem unergründlichen Moment entschließt sie, sich dem Satan hinzugeben und am wilden Hexensabbat in den Tiefen des Waldes teilzunehmen. Diese Darstellung von Hexerei als etwas Bösem wird dem Film vermutlich nicht viele Anhänger verschaffen bei manchen Frauenrechtsgruppen. Schließlich hat sich das Bild und die Wahrnehmung der Hexe im letzten Jahrhundert drastisch geändert. Robert Eggers versucht hier offensichtlich nicht, politisch korrekt zu sein, stattdessen erschafft er ein Abbild der abergläubischen Vorstellungen unserer Vorfahren, und das ist ihm meiner Meinung nach gelungen.

Bewertung:

Bewertung: 7
Michael

Michael mag Filme, Abenteuer und surreale Kunst. Er schreibt im Blog seine Meinung zu alten und neuen Filmen. Er interessiert sich auch für’s Filmemachen und hat ein Projekt in Vorbereitung: Die Anbetung des Affen

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