‚Carts of Darkness‘ – Alptraum aller Einkaufswagen
Geschrieben vor 1 Jahr Filmbesprechungen
Regisseur:
Murray Siple
Erscheinungsjahr:
2008
Hauptdarsteller:
Big Al, Fergie, Murray Siple
Genre:
Dokumentation
Laufzeit:
59 Min.
IMDB:
Trailer:

‚Carts of Darkness‘ – Alptraum aller Einkaufswagen

Murray Siple machte Filme über Snowboarder, bis er sich bei einem Unfall die Wirbelsäule verletzte. Anschließend war er querschnittsgelähmt. Diese Lebenserfahrung ließ ihn Dinge sehen, die er vorher ignoriert hatte. Dazu gehörten auch die Flaschensammler in seiner näheren Umgebung, die die steilen Straßen mit Einkaufswagen befuhren. Das Resultat dieser erweiterten Sicht auf das Leben ist ‚Carts of Darkness‘: seltsam, krass und in manchen Momenten so großartig wie reines Adrenalin in der Blutbahn.

 

Der Film zeigt die helleren und dunkleren Seiten im Leben einer Gruppe von Flaschensammlern in Vancouver. Ihre besondere Arbeitsmethode ist es, von einem Supermarkt einen Einkaufswagen zu „leihen“ und damit die steilen Hügel der besseren Wohnviertel zu durchkreuzen, auf der Suche nach wertvollem Pfandgut. Manchmal treffen sie auf eine Goldmine, wenn sich unter einem Stapel alter Zeitungen ein Haufen achtlos weggeworfener Plastikflaschen findet. Viele der gutverdienenden Anwohner sind zu faul, um das Pfandgut selber zur Recyclinganlage zu bringen, und so hat sich wie in einer seltsamen Synergie das Geschäftsmodell der Obdachlosen entwickelt. Die Abfahrten sind halsbrecherisch: gesteuert werden die voll beladenen Einkaufswagen mit den Beinen, eine Notbremse gibt es nicht.

 

Fergie und Siple beim Diskutieren (Carts of Darkness)

 

Siple’s Film konzentriert sich auf zwei Charaktere. Einmal ist da der jüngere Big Al, auf der Höhe seiner körperlichen Kraft und wohnhaft in diversen Büschen zwischen dem Supermarktgelände und dem Autobahnkreuz. Dann ist da der knapp fünfzigjährige Fergie, einer von Al’s Freunden, der unter einer Brücke lebt und schwer an der Flasche hängt. Al ist auf der Suche nach dem Extrem, und in den Einkaufsrollern hat er das Mittel zu diesem Zweck gefunden. Er nimmt das Kamerateam mit auf die Parkplätze der Einkaufszentren und erklärt ihnen minutiös und voller Ernst die Vorzüge und Nachteile der verschiedenen Modelle. Als ich das sah, konnte ich es kaum glauben – ohne Zweifel eine Sternstunde des jüngeren Dokumentarfilmkinos.

Fergie hingegen hat sich mit seinem Lebensstil und der Abhängigkeit von der Flasche in eine Sackgasse manövriert, deren absehbares Ende noch während des Filmes erreicht scheint. Siple, der das Vertrauen seiner Protagonisten gewonnen hat, versucht gemeinsam mit Al, Fergie zu einer Entziehungskur zu überreden; doch es wird klar, dass für diesen das Trinken ein Teil seiner Selbst geworden ist.

 

Abfahrt (Carts of Darkness)

 

Trotz der rauschhaften Energie und dem Desperado-Lebensstil von Al durchzieht den Film ein Grundton von Traurigkeit, weil für alle diese Menschen das Leben nur solange möglich ist, wie sie den rauen Gegenwind ertragen können. Sie haben kein Auffangnetz unter sich und keine Pläne für die Zukunft, keine Rückzugsmöglichkeit im Alter. Gleichzeitig schaffen sie es, ihrer Existenz im Hier und Jetzt etwas abzugewinnen, eine Sucht nach rasender Geschwindigkeit und eine Art von flüchtigem Ruhm.

Bewertung:

Bewertung: 8
Michael

Michael mag Filme, Abenteuer und surreale Kunst. Er schreibt im Blog seine Meinung zu alten und neuen Filmen. Er interessiert sich auch für’s Filmemachen und hat ein Projekt in Vorbereitung: Die Anbetung des Affen

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