Gefangen in der Blockhütte – ‚The Hateful Eight‘
Geschrieben vor 1 Jahr Filmbesprechungen
Regisseur:
Quentin Tarantino
Erscheinungsjahr:
2015
Hauptdarsteller:
Bruce Dern, Jennifer Jason Leigh, Kurt Russell, Michael Madsen, Samuel L. Jackson, Tim Roth, Walton Goggins
Genre:
Drama, Krimi, Western
Laufzeit:
c.a. 187 Min.
IMDB:
Trailer:

Gefangen in der Blockhütte – ‚The Hateful Eight‘

Der Film beginnt mit einer weiten Einstellung von verschneiten Gebirgszügen in Nordamerika. Die Bilder wirken wie eine Hommage an Sergio Leone, und ich dachte schon, dass Quentin Tarantino seinen Sinn für Landschaften entdeckt hat, genauso wie sein großes italienisches Vorbild. Doch es bleibt – leider – bei diesen kurzen Momenten zu Beginn, denn der Großteil des Films spielt in abgeschlossenen Räumen.

Der Dialog zwischen den Reisenden in der Pferdekutsche kommt etwas langsam und gemächlich daher, was ziemlich stark auffällt, da wir uns noch ganz zu Beginn des rund dreistündigen Films befinden.

Man bekommt daher schon nach wenigen Szenen das Gefühl, dass Tarantino eine Menge Zeit, unendlich viele Filmrollen und totale Freiheit hatte, was die Entscheidungsfindung anbelangt. Als Beispiel sei die Szene mit der verrammelten Tür genannt, die erstmal urkomisch ist, gerade weil sie viel zu lange andauert und die ganze Handlung aufhält. Doch nachdem sie etwa das dritte mal wiederholt wurde, bekommt man den Eindruck, dass jeder Drehbuchlektor, Editor oder Produzent Einspruch erhoben hätte.

 

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Die Geschichten in Tarantinos Filmen waren immer etwas simpel, was aber nichts ausmachte, denn sie wurden angetrieben von einem Kraftakt aus messerscharfen Dialogen und oft ikonischen schauspielerischen Leistungen. Da verzeihte man es gerne, dass es am Ende um nichts anderes ging als eine Tüte voller Geld. Reservoir Dogs, mein Lieblingsfilm von QT, ignorierte die eigentliche Handlung sogar fast völlig und konzentrierte sich stattdessen auf die intensiven Spannungen zwischen den Protagonisten und deren oft komische, aber immer glaubwürdige Rollen, was ausgezeichnet funktionierte. Die Dialoge in The Hateful Eight sind nicht so bemerkenswert, wie man es vielleicht erwartet hätte, und da der Großteil des Films an einem einzigen Ort spielt, bleiben uns eigentlich nur noch die schauspielerischen Darbietungen, um unser Interesse und unsere Neugierde aufrechtzuerhalten. Die Charaktere erhalten ihre Lebendigkeit von der sehr hochkarätigen, wenn auch leicht gealterten Besetzung, wobei Michael Madsen ein wenig festgefahren scheint in seiner üblichen Art zu sprechen und in die Kamera zu gucken, und Tim Roth versucht offenbar, Christoph Waltz zu imitieren. Kurt Russel und Jennifer Jason Leigh als das ungleiche Paar ziehen vor allem zu Beginn die Aufmerksamkeit auf sich mit einer Mischung aus Brutalität und verschrobenem Galgenhumor. Die Entwicklung mancher Charaktere im Verlauf des Films scheint wenig glaubwürdig, vor allem die rasche Läuterung der überzeugten Rassisten.

 

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In einem Interview sagte Takeshi Kitano einst, dass Tarantion’s Werke aufwändig produzierte B-Filme seien, und ich denke, die Aussage ist nicht ohne Wahrheitsgehalt. Genau wie die Charaktere in diesem Film scheint Tarantino etwas festzusitzen in der Art und Weise, wie er seine Geschichten erzählt. Seine Quellen waren immer die Trivialliteratur und Trash-Filme, und in acht Streifen hat er die filmischen Möglichkeiten diesbezüglich ausgelotet. Er könnte nun beispielsweise versuchen, Landschaften zu verwenden und seine Geschichten mit Bildern erzählen (wie in den ersten Sekunden dieses Films) oder seinen Charakteren Motivationen geben, die über Geld und Rachelust hinausgehen. Wer weiss, was er mit seinem Talent als Filmemacher diesbezüglich noch erreichen könnte? Aber all das scheint nicht sein Ding zu sein, und sich selbst neu erfinden mag er offensichtlich auch nicht. Zugegebenermaßen fügt er eine neue Facette hinzu mit dem einen oder anderen politischen Statement, das in die Handlung eingeflochten wird.

Die Gewalt in dem Film braucht niemanden vom Hocker zu reißen, schließlich handelt es sich nur um eimerweise Filmblut und herumfliegende, matschige Stücke Schaumstoff. Zugegeben, besser als computeranimiertes Blut. Doch nichts davon schockiert uns durch seine Echtheit oder Unmittelbarkeit. Wer Interesse hat, wie Gewalt ausserhalb der Comicbuch-Welt eines Geeks aussieht, dem empfehle ich Filme wie Gomorrah von Matteo Garrone. Die Fellatio-Szene hat ihre Entsprechung in der Kellerszene von Pulp Fiction.

Das hört sich alles vielleicht recht barsch und unfreundlich an, wahrscheinlich mehr als beabsichtigt. Trotz der drei Stunden Laufzeit war ich nie gelangweilt, wobei ich sagen muss, dass ich in letzter Zeit eine Menge „Kunstfilme“ angeschaut habe und meine Geduld dementsprechend trainiert ist. Im zweiten Teil hält die Handlungen einige Wendungen und Überraschungen für uns bereit, und das Finale war recht interessant, insgesamt wirkte es jedoch schwach nach einem Aufbau von drei Stunden. Manche Kritiker zerreissen den Film in der Luft, vielleicht waren sie unvorbereitet auf das Maß an Geduld, welches The Hateful Eight von uns verlangt. Ich denke jedoch, dass die Kostüme, schauspielerischen Leistungen und Requisiten zu gut sind für eine wirklich schlechte Bewertung.

Bewertung:

Bewertung: 7
Michael

Michael mag Filme, Abenteuer und surreale Kunst. Er schreibt im Blog seine Meinung zu alten und neuen Filmen. Er interessiert sich auch für’s Filmemachen und hat ein Projekt in Vorbereitung: Die Anbetung des Affen

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